Die Frau des Bäckers
Bei einem der schlimmen nächtlichen Bombenangriffe auf Frankfurt im Frühjahr 1943 war ich gleich nach dem letzten Entwarnungston der Sirenen aus dem Luftschutzkeller die Treppen hoch in den Dachstock des Vorderhauses gerannt, um zu sehen, wo überall die Bomben eingeschlagen hatten und wo es brannte.
Ich öffnete das Fenster einer Dachluke. Es war mit einem Flacheisenstab anzuheben und festzustellen. So hatte ich einen besseren Rundblick über die brennende Stadt. Im gleichen Moment fragte jemand neben mir: »Darf ich auch mal rausschauen?«
Es war die junge Frau des Bäckers, die einen Stock unter uns im Hinterhaus wohnte, eine blonde Schönheit mit einem recht hübschen Gesicht und leicht aufgeworfenen Lippen. Von allen weiblichen Rundungen hatte sie im Übermaß und betonte sie auch noch durch enganliegende Pullover und Röcke. Wenn wir stundenlang zusammen im Luftschutzkeller saßen und sie mich immer wieder einmal anlächelte, hatte ich mir oft vorgestellt, wie das wohl sein würde, mit ihr unter einer Bettdecke zu liegen und sie so ganz hautnah zu spüren.
»Selbstverständlich, kommen Sie!« Ich ließ sie vor mich treten, denn die Luke war zu klein, um nebeneinander stehen zu können.
Die Stadt brannte an unzähligen Stellen, große Flächen waren ein einziges Flammenmeer. Das Feuer hatte einen Sturm entfacht, der bis zu uns hinauf deutlich spürbar war. Das Knistern und Krachen der Feuersbrunst mischte sich mit dem hellen Ballern der Flakgeschütze, das trotz der Entwarnung weiterging, ebenso wie das nervöse Spiel der langen Lichtfinger vieler Abwehrscheinwerfer, die aus allen Richtungen über den nächtlichen Himmel zitterten.
»Allmächtiger!« rief die Frau des Bäckers, als sie die vielen Brände sah, nahm beide Hände vor den offenen Mund und wich mit dem Oberkörper ein wenig zurück. Wir berührten uns.
»Guck doch da drüben, siehst du das? Das muß in Sachsenhausen sein.« Sie deutete zur Luke hinaus etwa in südliche Richtung. Ich war überrascht, daß sie mich duzte. Das hatte sie noch nie getan. Vielleicht kam es aus der Erregung über die brennende Stadt.
Sie nahm den Kopf auf die Seite, damit ich mich vorbeugen und nach Sachsenhausen schauen konnte. Aber der Himmel weiß, daß ich in dem Augenblick, da ich mit der rechten Backe und dem rechten Ohr ihre Haare berührte, alle Himmelsrichtungen durcheinanderbrachte und nur noch stammeln konnte: »Ja, das muß in Sachsenhausen sein.«
Ob Sachsenhausen, Bornheim oder Seckbach, konnte ich wirklich nicht mehr unterscheiden. Das war mir auch egal. Brennen tat's fast jede Nacht - aber diese Haare! Ich drückte mich mit der Brust ein wenig an ihre Schulter, als wollte ich Sachsenhausen noch genauer sehen und vielleicht auch noch Seckbach und Bornheim. Sie wich mir nicht aus. Ich bildete mir ein, daß auch sie starkes Herzklopfen hatte.
Ganz leicht, als suchte ich einen Halt, berührte ich mit der rechten Hand ihre Hüfte. Sie blickte immer noch geradeaus in die Feuersbrunst und sagte: »Da drüben, was da brennt, das ist Griesheim oder Höchst! Ob die IG Farben was abbekommen haben?«
»Schon möglich«, erwiderte ich kurzatmig, während ich den Arm um ihre Hüfte schob und die Hand leicht auf ihren Bauch legte. Ich spürte, wie er im Rhythmus des Atmens auf und nieder ging.
Es war ein schaurig-schöner Anblick, überall große und kleine Feuersäulen, die zum Himmel flackerten, dann die Flächenbrände, zwischendurch immer wieder Funkenkaskaden wie aus einem überdimensionierten Stahlkocher, wenn wo ein Haus zusammenbrach.
»Furchtbar! Guck dir das nur an!« Dabei legte sie ihre Hand auf meine Hand, mit der ich bereits die wunderbar gewölbte Gegend rund um den Nabel erkundet hatte, dessen feinen Trichter ich durch den eng sitzenden Rock deutlich fühlte, und sie tippte mich mit dem Finger an, um mir zu verstehen zu geben: Das ist mir angenehm, was du da machst, mach weiter so. Und als ich, nun mutig geworden, fest zupackte, tippte sie noch einmal an, wie um mir damit zu sagen: Kannst ruhig fester drücken, mir macht's Spaß. Ich hielt sie so fest, als sei mein rechter Arm ein ihr verordnetes Stützkorsett, und hielt sie so lange, bis ich einen Krampf im Arm bekam.
Jetzt mußte die Frau des Bäckers weiter vorne, zur Innenstadt zu, also in einem steileren Winkel nach unten, einen neuen Brandherd oder irgend etwas anderes entdeckt haben, was ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Jedenfalls beugte sie sich stärker nach vorne und verlagerte so ihren Schwerpunkt, und mir blieb nichts weiter übrig, als diese Bewegung mitzumachen, denn ich hatte ja noch immer die Hand auf ihrem Bauch. Was hatte sie für einen prallen Hintern! Und diese nach innen gewölbte Zäsur, die die Herrlichkeit in zwei gleiche Portionen teilte, ich spürte sie in allen Details und obendrein das Spiel ihrer Muskeln. Und die Frau des Bäckers redete immer noch von Sachsenhausen und Bornheim und den vielen Bränden, aber schon leiser und mit ein wenig rauher Stimme.
Die Dachluke engte das Gesichtsfeld ein, darum mußte sie, um alles sehen zu können, den Oberkörper nach links und rechts drehen. Und da ihr Hintern die Bewegung mitmachte und sie häufig die Blickrichtung änderte, ich aber wie angegossen stehen blieb, ergab sich zwangsläufig eine beachtliche Reibungswärme.
Ganz von selbst glitt meine Hand, die zuletzt breit auf ihrem Nabel lag, langsam nach unten und entlang dem Einschnitt zwischen Oberschenkel und Bauch. Ich spürte den verstärkten Abschluß des Schlüpfers und benutzte ihn als willkommene Leitlinie für meine unruhigen Finger.
»Ich mag dich«, sagte ich leise in ihr Ohr.
»Gott, wie du schnaufst!« gab sie zur Antwort.
»Daran bist nur du schuld«, flüsterte ich heiser.
Jetzt drehte sie das erste Mal leicht den Kopf zu mir und lächelte. Und während draußen das Feuer wütete und noch immer die Flak ballerte, erklommen meine Finger mutig den kleinen und schönsten Hügel einer Frau. Da legte sie noch einmal ihre Hand auf meine, aber nicht mehr einladend, sondern abwehrend, und sagte: »Hör auf! Wenn uns jemand sieht.«
Inzwischen hatten sich nämlich an den anderen Dachluken ebenfalls Hausbewohner aufgestellt und schauten nach den Bränden, immer zwei in einer Luke. Sie konnten bestimmt nicht sehen, was wir trieben, dafür war es zu dunkel, aber wenn die Frau des Bäckers ängstlich wurde, mußte ich es hinnehmen. Meine Hand schob sich zögernd auf ihren Bauch zurück, und ich begnügte mich, mit den Fingern die trichterförmige Nabelöffnung nachzuzeichnen. Auch das war sehr angenehm. So standen wir einige Zeit, und unser beider Atem ging schwer. Da löste sie sich mit Hintern und Rücken von mir, drehte sich herum und sagte leise: »Komm nachher runter. Ich warte auf dich.« Und sie verschwand im Dunkel des Treppenhauses.
Wie benommen blieb ich in der Dachluke stehen und starrte in die Feuerfackeln und Flächenbrände. Als schon längst niemand mehr auf dem Dachboden war, stand ich immer noch, roch die Haare und den leichten Schweiß im Nacken der Frau des Bäckers und spürte, als stünde sie vor mir, jeden unserer Berührungspunkte. Langsam ging ich die Treppe hinunter, über den Hof und hoch in mein Zimmer. Mama und Papa lagen bereits wieder im Bett, Paula hatte noch etwas in der Küche zu tun. Ohne mich auszuziehen, legte ich mich aufs Bett. Welch eine seltene Gelegenheit bot sich mir, eine Gelegenheit, von der ich bisher nur hatte träumen können. Ich brauchte nur aufzustehen, an die Tür dort unten zu klopfen, und es würde sich mir, leise knarrend, das Paradies öffnen.
Und doch zögerte ich. Da wartete achtzehn Stiegen tiefer eine Frau auf mich, und ich lag auf meinem Bett, rührte mich nicht, wog sorgsam alles Für und Wider ab und wußte genau, wohin das Abwägen führte - zu nichts. Ich lag auf meinem Bett und ließ die Frau des Bäckers warten.
Der Bäcker und seine Frau waren erst vor zwei Jahren in unser Hinterhaus eingezogen. Er war in der SA und hatte, bevor er vor einem halben Jahr zu den Soldaten mußte, sich häufig in seiner SA-Uniform sehen lassen. Sie war in der NS-Frauenschaft und trug auf dem Mantel eine große Nazibrosche. Im Luftschutzkeller munterte sie die um ihr Leben bangenden Hausbewohner mit Durchhaltesprüchen auf, die sie aus der NS-Frauenschaft mitgebracht hatte.
Die nächsten Tage versuchte ich, ihr aus dem Weg zu gehen. Aber ich konnte es doch nicht vermeiden, daß wir uns begegneten. Sie war eisig, grüßte mich kaum, nur einmal im Treppenhaus zischte sie mir zu: »Du Feigling!«
Mit einer dummen, unlogischen Eifersucht mußte ich in der Folgezeit feststellen, daß die Frau des Bäckers beileibe nicht auf mich angewiesen war, trotz der kriegsbedingten Männerknappheit. Immer korrekt mit »Heil Hitler!« grüßend und im Luftschutzkeller, wenn die Bomben herniederprasselten, Durchhaltesprüche plappernd, war sie dennoch eine eifrige NS-Frauenschaftlerin und blieb ihrem Führer treu.